Konstruktiv streiten: eine Utopie zwischen Social Media, Polarisierung und Rechtspopulismus

Fachtag | Miteinander reden! Aber Wie? | CRISP-Berlin

2025-12-05

Struktur

Utopie: Streitfreudige Gesellschaft

Struktur

Realität: Hemmnisse

  • psychologisch
  • technologisch
  • politisch

Utopie: Streitfreudige Gesellschaft

Struktur

Realität: Hemmnisse

  • psychologisch
  • technologisch
  • politisch

Utopie: Streitfreudige Gesellschaft

Struktur

Realität: Hemmnisse

  • psychologisch
  • technologisch
  • politisch

Ideen, wie wir die Realität näher zur Utopie einer Streitfreudigen Gesellschaft bringen können

Utopie: Streitfreudige Gesellschaft

Stellen wir uns eine Welt vor…

  • Kein Mensch versteckt seine Meinung oder schämt sich dafür.
  • Menschen freuen sich, wenn sie Mitmenschen begegnen, die kontroverser Meinung sind.

    • sofort entstehen positive Vibes: jemand kann gleich etwas lernen/erfahren…
    • es entsteht beidseitiger Wunsch: die Meinung der Andersdenkenden möglichst genau ergründen…
  • Menschen nehmen sich Zeit, um Meinungsverschiedenheiten auszutragen

  • Manche Diskussionen verlaufen emotional hitzig:

    • Diskutant*innen nehmen sich erneut Zeit, um der Kontroverse nachzugehen.

Haltung: Debatten als Tanz

Figuren eines Streits (Rapoport-Regeln1)

Verstehen

  1. Sie sollten versuchen, den Standpunkt Ihres Gegenübers so klar wiederzugeben, dass diese Person sagt: „Danke, ich wünschte, ich hätte es auch so formuliert.“

Gemeinsamkeiten und Wertschätzung

  1. Sie sollten alle Punkte auflisten, in denen Sie sich einig sind.
  2. Sie sollten etwas nennen, was Sie von Ihrem Gegenüber gelernt haben.

Argumente austauschen

  1. Erst dann ist es Ihnen erlaubt, Widerspruch oder Kritik zu äußern.
    • Geben und Nehmen von Gründen

sie debattieren konstruktiv

Die Debattierenden suchen nach Wegen, wie die Kontroverse aufgelöst werden kann:

sie debattieren konstruktiv

Die Debattierenden suchen nach Wegen, wie die Kontroverse aufgelöst werden kann:

Herstellung von Konsens:

sie debattieren konstruktiv

Die Debattierenden suchen nach Wegen, wie die Kontroverse aufgelöst werden kann:

Herstellung von Konsens:

  • kein primäres Ziel: Konsens ist zu ambitioniert

“Agree to disagree”:

sie debattieren konstruktiv

Die Debattierenden suchen nach Wegen, wie die Kontroverse aufgelöst werden kann:

Herstellung von Konsens:

  • kein primäres Ziel: Konsens ist zu ambitioniert

“Agree to disagree”:

  • kein Ziel – Einsicht in die Vielfalt von Meinungen ist zu bescheiden

Argumentative Wege zur Prüfung kontroverser Überzeugungen identifizieren:

  • bei Tatsachenstreits: wer hat die relevante Expertise?
  • Bei Wertfragen: welche Gründe sprechen dafür und dagegen, die jeweilige Werthaltung anzunehmen?

Streit: seine Zwecke

  • hermeneutischer Zweck:
    • Andere verstehen
  • epistemische Zwecke:
    • überzeugen (Überzeugungen anderer verändern)
    • lernen (eigene Überzeugungen verändern)
  • soziale Zwecke:
    • Gemeinschaftszugehörigkeit stärken
    • unterhalten

Streit: seine Zwecke

  • hermeneutischer Zweck:
    • Andere verstehen
  • epistemische Zwecke:
    • überzeugen (Überzeugungen anderer verändern)
    • lernen (eigene Überzeugungen verändern)
  • soziale Zwecke:
    • Gemeinschaftszugehörigkeit stärken
    • unterhalten

Streit: seine Zwecke und Ideale

  • hermeneutischer Zweck:
    • Andere verstehen
  • epistemische Zwecke:
    • überzeugen (Überzeugungen anderer verändern)
    • lernen (eigene Überzeugungen verändern)
  • soziale Zwecke:
    • Gemeinschaftszugehörigkeit stärken
    • unterhalten

mehr korrekte und gut begründete Überzeugungen

individuelle Autonomie

eigene Entscheidungen sind aufgeklärt

deliberative Demokratie

kollektive Entscheidungen sind aufgeklärt

Praxis: Mindsets des Urteilens und Entscheidens

  • Urteilen/Entscheiden ist eine soziale Praxis, bei der folgende Zwecke verfolgt werden2

Politiker*in

  • wir suchen, soziale Bindungen zu für uns wichtigen Peer-Gruppen nicht zu belasten;
  • wir passen unsere Überzeugungen entsprechend an.

Priester*in

  • wir betrachten bestimmte Werte und Regeln für heilig und damit unantastbar;
  • wir suchen sie gegen Veränderungen zu verteidigen.

Staatsanwalt*in

  • wir suchen, Regeln und Prinzipien, die wir für legitim halten, zu verteidigen;
  • und Verstöße gegen sie zu ahnden.



Befunde kognitiver Psychologie: Verzerrungen

Selbstüberschätzung (overconfidence)3

Tendenz, eigene kognitiven Kompetenzen und eigenes Wissen zu überschätzen:

  • relativ zu sich selbst (meine Fähigkeiten für besser halten als sie sind)
  • relativ zu anderen (zu glauben, dass meine Fähigkeiten sind als die von Anderen)

Bestätigungsfehler (confirmation bias4 bzw. desirability bias5)

Tendenz, solche Informationen zu suchen, zu interpretieren, zu bevorzugen und zu erinnern, die

  • die eigenen Überzeugungen bzw.
  • die eigenen Wünsche bestätigen.

Praxis: Argumentation als Kampf

Gegnerschaft-Paradigma6

  • Argumentation (und verwandte kommunikative Praktiken) werden vielfach als Aktivitäten zwischen Gegnern aufgefasst;
  • martialische Metaphern:
    • “Kampf”, “gewinnen”, “angreifen”, “verteidigen”, …

Empirische Untersuchungen: Mehrwert von Diskussionen unklar

  • Argumentation scheint kein effizientes Mittel zu sein, um Meinungsänderung herbeizuführen7
  • eine Diskussion über tief verankerte Überzeugungen kann Polarisierung verstärken8


Technologie und Rechtspopulismus

Online Medien

  • das Interesse der Betreiber liegt nicht darin, individuelle Autonomie und aufgeklärte Gesellschaften zu fördern, sondern:
    • Maximierung der Einnahmen;
    • Meinungsbeeinflussung

Rechtspopulismus

  • Merkmale faschistischer Bewegungen9:
    • Liberale Demokratie als Ursache zentraler gesellschaftlicher Probleme
      • aufgeklärte Individuen als Feindbilder;
    • hierarchisches Menschenbild
      • Gewaltbereitschaft gegenüber abgewerteten Menschen;
    • Technologie als Machtinstrument

Realität: Tänzerische Haltung mit Hemmnissen konfrontiert

  • psychologische Verzerrungen
  • Polarisierung-fördernde Kommunikationstechnologien
  • politisch: Anti-aufklärerische Tendenzen

Utopie: Streitfreudige Gesellschaft

Realität: Tänzerische Haltung mit Hemmnissen konfrontiert

  • psychologische Verzerrungen
  • Polarisierung-fördernde Kommunikationstechnologien
  • politisch: Anti-aufklärerische Tendenzen

Was tun, um die Polarisierung in die Streitfreude zu überführen?

Utopie: Streitfreudige Gesellschaft

Handlungsoptionen

Was tun, um die Polarisierung in die Streitfreude zu überführen?

Politisches Projekt

  • Regulierung der sozialen Medien und der dahinter stehenden Technologien;
  • Schutz demokratischer Institutionen;
  • Förderung der Bildung

Individuelles Projekt: Tanz-Haltung einüben

  • Streit-Gespräche mit Andersdenkenden suchen
  • Räume für den Streit-Tango erst kreieren
  • Andockungsmöglichkeiten identifizieren
    • Gegenseitiges Verständnis
    • Wertschätzung und Gemeinsamkeiten
    • Austausch von Gründen

Verständnis, Wertschätzung und Gemeinsamkeiten mit Rassist*innen?

Demütige Haltung gegenüber Menschen, die verachtenswerte Meinungen haben?

Rassist*innen

Kriegstreiber*innen

Religiöse Fundamentalist*innen,…

Verständnis, Wertschätzung und Gemeinsamkeiten mit Rassist*innen?

Demütige Haltung gegenüber Menschen, die

  • Überzeugungen haben, von denen wir ganz-ganz fest überzeugt sind, dass sie falsch sind;
  • Werte und Prinzipien befürworten, von denen wir ganz-ganz fest überzeugt sind, dass sie nicht akzeptiert werden sollen.

Gesprächsraum kreieren

  • eigene Betroffenheit artikulieren

Interpretation der Meinung des/r Gesprächspartner*in:

  • Warum ist mein Gegenüber von etwas überzeugt, was ich für völlig falsch oder inakzeptabel halte?

Suche nach Andockungspunkten, gegeben die Begründung der Position des Gegenübers:

  • Über welche Tatsachenbehauptungen sind wir uns uneinig?
  • Über welche Werthaltungen sind wir uns uneinig?

Vielen Dank!

https://forum-streitkultur.de/

https://eugenpissarskoi.de/

https://argumentationsagentur.de/

Fußnoten

  1. Rapoport, Anatol (1961): Three Modes of Conflict, Management Science 7(3): 210-218; Dennett, Daniel (2013): Intuition Pumps and Other Tools for Thinking, New York.

  2. Philip E. Tetlock (2002): „Social Functionalist Frameworks for Judgment and Choice: Intuitive Politicians, Theologians, and Prosecutors“, Psychological Review 109: 451-471.

  3. Moore und Schatz (2017): The three faces of overconfidence. Social and Personality Psychology Compass 11(8): 1-12.

  4. Mercier, Hugo and Sperber, Dan (2011): Why do humans reason? Arguments for an argumentative theory. Behavioral and Brain Sciences 34(2): 57-74

  5. Tappin et al. (2017): The Heart Trumps the Head: Desirability Bias in Political Belief Revision. Journal of Experimental Psychology: General 146:1143-49

  6. Hundleby, Catherine E. (2023) Feminist Perspectives on Argumentation, The Stanford Encyclopedia of Philosophy: https://plato.stanford.edu/archives/fall2023/entries/feminism-argumentation/.

  7. Gordon-Smith, Eleanor (2019) Stop Being Reasonable: How We Really Change Minds. Public Affairs, New York.

  8. Dutilh Novaes, Catarina (2020) The Role of Trust in Argumentation. Informal Logic 40(2): 205–236.

  9. Mühlhoff, Rainer (2025): Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Stuttgart: Reclam